Die Gesundheit des Unternehmers ist in kleinen Betrieben der einzige Faktor, der nie geprüft wird. Maschinen werden gewartet, die IT gepatcht, für Ausfälle gibt es Notfallpläne und Versicherungen. Dr. med. Dunja Martin, Fachärztin für Neurologie mit über 15 Jahren Klinikerfahrung, arbeitet heute ursachenorientiert mit Menschen in unternehmerischer Verantwortung. Im Interview erklärt sie, warum Belastbarkeit ein betriebswirtschaftlicher Faktor ist, was eine funktionelle Diagnostik sichtbar macht und welche drei Schritte sofort greifen.
Die Gesundheit des Unternehmers ist ein Klumpenrisiko
In jedem Betrieb werden Maschinen turnusmäßig gewartet und Risiken versichert. Beim einzigen Bauteil, das nicht ersetzbar ist, wartet man, bis ein Schaden entsteht. Da liegt für Dunja Martin der Denkfehler.
Gesundheit werde als Privatsache einsortiert, obwohl sie an dieser Stelle ein Klumpenrisiko sei. Wenn eine Person Kundenbeziehungen, Finanzierungsgespräche und die strategische Richtung trägt, dann ist ihre Belastbarkeit ein betriebswirtschaftlicher Faktor und kein Lifestylethema. Anders als bei vielen anderen Risiken kennt man hier sogar die Frühindikatoren und kann sie messen.
Wie konkret das wird, zeigt der Projektleiter aus ihrer Praxis: Anfang fünfzig, erfolgreiches Unternehmen, gekommen wegen Schwindelattacken. Zum Zeitpunkt des ersten Gesprächs hatte er bereits einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck, einen grenzwertigen Zuckerstoffwechsel, deutliche Konzentrationsprobleme und eben diese Schwindelattacken. Jeder Punkt für sich wäre irgendwann in einer Praxis gelandet. Zusammengenommen war es ein Mensch, der seit etwa zwei Jahren spürbar unter seinen Möglichkeiten arbeitete, ohne dass es jemand adressiert hatte. In dieser Zeit hat er Projekte verantwortet.
„Das ist der Teil, der im Unternehmen niemandem auffällt, weil ja alles weiterläuft.“
Ihr nüchterner Vorschlag: Wer für eine Betriebsunterbrechungsversicherung zahlt, sollte einmal im Jahr auch prüfen lassen, wie es dem Menschen geht, der den Betrieb zusammenhält – und bei den ersten Anzeichen handeln statt abzuwarten. Das ist dieselbe Logik, die auch dafür spricht, Prozesse zu dokumentieren, statt Wissen an einer Person hängen zu lassen.
Warum das eigene Befinden ein schlechter Messwert ist
Der Maßstab ist für Dunja Martin nicht die Menge an Arbeit, sondern die Frage, ob die Erholung noch funktioniert. Ein gesundes System fährt nach einer harten Woche in ein paar Urlaubstagen herunter, ein dauerhaft aktiviertes nicht mehr. Und erfüllende Arbeit schützt davor nicht: Der Körper unterscheidet nicht zwischen Belastung, die Freude macht, und Belastung, die keine macht.
Typisch ist, dass jedes Signal für sich eine plausible Erklärung bekommt. Der Projektleiter erklärte die Gewichtszunahme mit dem Alter, den Bluthochdruck mit der Familie, die Müdigkeit mit der Projektphase. Häufig wegerklärt werden vor allem diese Punkte:
- Schlaf, der zwar stattfindet, aber nicht mehr erholt – oft nur eine leicht verlängerte Einschlafzeit oder nächtliches Aufwachen.
- Müdigkeit nach dem Essen, häufig ein erster Hinweis auf eine gestörte Glukoseverwertung.
- Brainfog: verlangsamtes Denken, Wortfindungsstörungen, Vergesslichkeit.
- Eine deutlich verlängerte Erholungszeit nach Sport oder nach einem banalen Infekt.
Deshalb fragt sie nie nach einem einzelnen Symptom, sondern nach der Entwicklung über ein bis zwei Jahre. Die meisten merken beim Erzählen selbst, dass sie schon lange nachjustieren.
Was eine funktionelle Diagnostik sichtbar macht
Der übliche Referenzbereich beantwortet die Frage, ob jemand krank ist. Das ist eine wichtige Frage, und dafür ist er gemacht. Ihre Frage ist eine andere: ob dieser Mensch in einem Zustand ist, aus dem heraus er zwanzig Jahre Höchstleistung tragen kann. Zwei verschiedene Fragestellungen, kein Widerspruch.
Sichtbar wird typischerweise dreierlei:
- Die stille Entzündung. Sie kommt schleichend und unbemerkt und bildet den gemeinsamen Boden für Gefäßerkrankungen, häufige Infekte, kognitiven Abbau, Insulinresistenz und Bauchfett.
- Der Stoffwechsel. Eine Insulinresistenz beginnt oft fünf bis zehn Jahre vor einem Diabetes und erklärt die Müdigkeit nach dem Essen oder das nächtliche Erwachen.
- Mikronährstoffe und Stressachse. Werte an der unteren Grenze gelten formal als normal und erklären trotzdem Erschöpfung und Brainfog.
„Ich kann keinen Kuchen backen, wenn Zutaten fehlen. Genauso kann der Körper keine Energie bilden, wenn ihm die Bausteine dafür fehlen.“
Dazu kommen Körperdaten wie Herzfrequenzvariabilität, Ruhepuls, Schlafverlauf und Körperzusammensetzung. Sie zeigen die Reaktion auf den realen Alltag: Man sieht schwarz auf weiß, was eine Woche Geschäftsreise oder ein Glas Wein am Abend mit der Erholung macht. Bei einer Führungskraft Mitte vierzig aus einem IT-Unternehmen war genau das der Wendepunkt. Er hatte seinen Schlaf für ausreichend gehalten, weil er die Stunden gezählt hatte. Die Daten zeigten, dass sein Körper in diesen Stunden kaum in die Erholung kam. Damit war die Diskussion beendet, ob er sich das nur einbildet.
Einen Vorbehalt formuliert sie ausdrücklich: Ohne Anamnese und ohne Behandlungskonsequenz seien diese Werte verschwendetes Geld. Der Sinn liege darin, aus einem diffusen Gefühl eine überprüfbare Größe zu machen – und diese dann auch zu behandeln.
Drei Schritte, die sofort greifen
Vor allem anderen steht das Wahrnehmen: die Warnzeichen ernst nehmen, obwohl man noch funktioniert. Das klingt banal, ist aber die eigentliche Hürde, weil das Funktionieren als Beweis dafür gilt, dass alles in Ordnung ist. Danach nennt Dunja Martin drei Maßnahmen, die unabhängig von jedem Befund wirken:
- Feste Schlafhygiene. Verlässliche Zeiten und ein Ende der Bildschirmarbeit am Abend.
- Krafttraining zweimal pro Woche. Muskelmasse ist einer der besten Vorhersagewerte für die Lebensqualität im Alter.
- Kein Alkohol und kein schweres Essen am späten Abend. Beides zerstört die nächtliche Erholung zuverlässig.
Dazu kommt ein Punkt, den die meisten unterschätzen: kurze, regelmäßige Phasen echter Regulation im Alltag, in denen das Nervensystem wieder lernt herunterzufahren. Keine stundenlangen Pausen, sondern kurze Anwendungen zwischen zwei Terminen. Bei der IT-Führungskraft war genau das der entscheidende Schritt – nicht weniger Arbeit, sondern klare Übergänge zwischen Anspannung und Erholung und ein festes Ende des Arbeitstages.
Parallel würde sie nüchtern Messdaten erheben: eine funktionelle Labordiagnostik und zwei bis vier Wochen Schlaf- und HRV-Daten. Damit lässt sich der Zustand in Zahlen abbilden, und auf diese Zahlen sollte dann auch reagiert werden. Für Inhaber, die ohnehin an der Belastungsgrenze arbeiten, ist das der gleiche Hebel wie Wachstum ohne Kontrollverlust: Es geht nicht darum, weniger zu tun, sondern die Struktur zu ändern.
Einordnung
Die Gesundheit des Unternehmers taucht in keiner Risikoliste auf, obwohl sie in kleinen Betrieben das größte Einzelrisiko ist. Der Unterschied zu Maschinen und IT: Hier gibt es messbare Frühindikatoren, und der erste Schritt kostet nichts – nämlich die Warnzeichen ernst zu nehmen, solange noch alles läuft. Wer die Verantwortung darüber hinaus auf mehrere Schultern verteilen will, findet in der frühzeitigen Nachfolgeplanung den nächsten logischen Schritt.
FAQ zur Gesundheit des Unternehmers
Warum ist die Gesundheit des Unternehmers ein betriebliches Thema?
Weil in kleinen Betrieben eine Person Kundenbeziehungen, Finanzierungsgespräche und die strategische Richtung trägt. Ihre Belastbarkeit ist damit ein betriebswirtschaftlicher Faktor – und das einzige Bauteil, für das es keinen Ersatz gibt.
Woran erkennt man, dass die Belastung zu hoch wird?
Nicht an den Wochenstunden, sondern an der Erholung. Wenn sich der Zustand nach einer angemessenen Pause nicht mehr bessert, ist das laut Dunja Martin unabhängig von Laborwerten ein Befund.
Was zeigt eine funktionelle Labordiagnostik zusätzlich?
Typischerweise drei Dinge: stille Entzündungen, den Stoffwechsel inklusive einer beginnenden Insulinresistenz und den Status von Mikronährstoffen und Stressachse. Werte an der unteren Normgrenze gelten formal als unauffällig und erklären trotzdem Erschöpfung und Brainfog.
Lohnt sich so eine Diagnostik immer?
Nein. Ohne Anamnese und ohne Behandlungskonsequenz sind die Werte laut Dunja Martin verschwendetes Geld. Der Sinn liegt darin, aus einem diffusen Gefühl eine überprüfbare Größe zu machen und diese dann auch zu behandeln.
Welche drei Maßnahmen greifen sofort?
Feste Schlafzeiten mit einem Ende der Bildschirmarbeit am Abend, zweimal pro Woche Krafttraining und der Verzicht auf Alkohol und schweres Essen am späten Abend. Dazu kurze Regulationsphasen zwischen zwei Terminen.
Wie oft sollte ein Inhaber das prüfen lassen?
Ihr Vorschlag: einmal im Jahr, nicht beim Hausarzt, sondern bei einem spezialisierten Arzt für Longevity und funktionelle Medizin – und das mit derselben Selbstverständlichkeit wie eine Betriebsunterbrechungsversicherung. Bei den ersten Anzeichen handeln, statt abzuwarten.
Weiterlesen
- Führung auf Distanz: Was Remote-Teams bei Dienstleistern zusammenhält
- Digitale Prozesse dokumentieren: Warum Wissen nicht an einer Person hängen sollte
- Wachstum ohne Kontrollverlust: Wie Dienstleister Qualität bei mehr Aufträgen halten







